Das Barbara-Rütting-Brot

Es war Ende der sechziger Jahre, ich spielte in Köln Theater. In einer Radiosendung erzählte ich vom Leben auf dem Land - dass ich auf meinem Bauernhof Brot backe, Ziegenkäse mache und was ich so alles für den Winter an Gesundem sammle, trockne und einlege.

Einige Anrufer baten um das Brotrezept . Der Sender versprach, es ihnen zu schicken - es gingen 3.500 Anfragen ein!

Einige Tage später erfuhr ich, dass ein Kölner Bäcker unter meinem Namen ein sehr schlechtes Brot verkaufte. Zur Rede gestellt, meinte er, ich hätte ja das Rezept im Radio durchgegeben, er halte sich aber nicht daran, denn die Hausfrauen seien so blöd, die merkten eh nicht, was sie essen.

Darob erbost erkundigte ich mich bei der Bäckerinnung, was ich gegen diesen Missbrauch unternehmen könne. Man riet mir, einen Bäcker zu suchen, der bereit wäre, mein Brot in Lizenz zu backen. Gesagt, getan - ich fand diesen Bäcker und seither wird es in vielen Bäckereien gebacken, genau nach meinem Rezept und von mir immer wieder kontrolliert. Noch über dreißig Jahre später ist mein Brot sozusagen „ in aller Munde". Ich habe keine Zeit mehr, selbst zu backen, kann es aber in vielen Bioläden kaufen.

Es hat schon einer erklecklichen Anzahl von Mitmenschen zu einer guten Verdauung und damit mehr Lebensqualität verholfen. Ich habe mindestes zwei Generationen auf dem Gewissen. Heute erwachsene Männer berichten, sie seien als Kind - damals nicht immer unbedingt zu ihrem Vergnügen, aber rückblickend doch zu ihrem Wohl - von ihren Müttern mit Frischkornbrei und dem Barbara Rütting - Brot traktiert worden.

Mache ich heute Kontrollbesuche, höre ich in der Backstube Rufe wie: 50 Rütting - Laibe im Karton - 100 Rütting - Laibe im Karton...

Hier ist das Rezept: Roggenvollkornbrot mit Gewürzen

1 kg Roggen, grob gemahlen
1 kg Roggen, fein gemahlen
300 g Sauerteig
1 l lauwarmes Wasser
1 EL Vollmeersalz
2 EL Fenchel
2 EL Leinsamen
2 EL Kümmel
2 EL Koriander - von allem die ganzen Körner!

Mehl/Schrot in eine große Schüssel geben, in die Mitte den Sauerteig. Mit einem Drittel des Wassers den Sauerteig und 1/3 des Mehls verrühren, an warmem Ort gehen lassen. Nach einigen Stunden das zweite Drittel Wasser zugeben, mit mehr vom Mehl verrühren, wieder warm stellen.
Wieder nach einigen Stunden das restliche Wasser zugeben, alles miteinander ver­rühren, nochmal alles warmstellen und (am besten über Nacht) mit einem feuchten Tuch bedeckt gehen lassen.
Am nächsten Morgen riecht der Teig angenehm säuerlich. Eine Portion (ca. 300 g) Sau­erteig vom Teig abnehmen und für das nächste Backen einfrieren.

Salz und Gewürze zugeben, eventuell noch etwas Wasser, und gründlich kneten, bis sich ein glänzender Kloß bildet. Sie können nun den Kloß, wenn Sie wollen, tei­len und 2 Brote aus der Menge formen. Das Brot auf einem gefetteten Blech 2 Stunden gehen lassen. Mit einem Messer kreuzweise einschneiden. Dann bei 200 Grad backen - 1 großes Brot 1 1/2 Stunden, 2 kleine Brote 1 Stunde. Wenn Sie mit dem Knöchel gegen die Brote klopfen, muß es hohl klingen, dann sind sie fertig.

Vor kurzem umkreiste mich ein Junge neugierig mit dem Fahrrad.
Triumphierend brach es schließlich aus ihm heraus: Ich kenn dich! Du bist die Frau Barbara Rütting Brot! Und meine Mama hat ein Kochbuch, da ist ein Foto von dir drauf!!

Sogar einen Limerick gibt es zum Brot, allerdings zu einem Hefebrot.
In den „ goldenen 50er Jahren", als wir die Filme mit den leidenschaftlichen Frauenrollen drehten, war ich in Cork, Irland, zu einem Filmfestival eingeladen.
Die Iren sind die entzückendsten Gastgeber, die man sich vorstellen kann. Es wurde viel gelacht und geredet und gesungen und ungeheuer viel Whisky konsumiert, abends in den Pubs, aber auch morgens in den Pubs, und auch abends und morgens außerhalb der Pubs. Ob es am Whisky lag oder am irischen Nebel - sie waren alle Poeten in dem kleinen Ort, ob Bürgermeister oder Briefträger oder Priester.
Pater James, mit einem Kopf wie Bernard Shaw, neben seiner seelsorgerischen Tätigkeit auch passionierter Limerickforscher und als solcher sogar bei Aristophanes fündig geworden, hat mir einen herrlichen Limerick zugeeignet, in dem es doch tatsächlich um Teig und um Hefe geht:

These rhymes were designed by a priest to affect your religion like yeast. If they help it to grow like the yeast in the dough there`ll be one better Christian at least.

URL:http://barbara-ruetting.de/mein-brot/brotrezept/